Wenn du mir schon länger folgst oder meine Arbeit schon live kennengelernt hast, dann hast du mit hoher Wahrscheinlichkeit schon die Worte von mir gehört – DAFÜR WIRD ES EINEN GUTEN GRUND GEBEN.
Heute möchte diese Aussage gerne näher beleuchten und freue mich, wenn du mitkommst!
Wie immer, habe ich auch Reflexionsfragen für dich eingefügt. Vielleicht möchtest du daher vorm Beginn des Lesens einmal dein Notizbüchlein holen? Dann hast du es griffbereit, wenn du an den entsprechenden Textstellen angekommen bist.
Ich wünsche dir viel Freude beim Lesen!
Beispiele zum „Guten Grund“
Damit du einen leichteren Einstieg in mein heutiges Blogthema bekommst, gebe ich dir als Erstes einmal einige Beispiele.
Sabine fühlt sich jedes Mal persönlich getroffen oder sogar angegriffen, wenn sie im Dorf spazieren geht und andere Personen sie nicht grüßen (es in der Gegend, in der sie wohnt absolut üblich, sich gegenseitig zu grüßen).
Immer wenn die Frau von Paul mit ihm über ein Thema diskutiert, wird er unsicher und „maulig“ . Er hat dann häufig Angst, dass sie sich trennen könnte.
Kerstin fühlt sich gekränkt, wenn ihre Kinder sich nicht dankbar ihr gegenüber zeigen, obwohl sie ständig das Elterntaxi für die beiden ist und auch sonst sehr viel dafür tut, dass es ihnen gut geht.
Henry bekommt häufig Wutanfälle, wenn ihm etwas misslingt. Manchmal ist er sogar so wütend, dass er die Dinge dann an die Wand schmeißt oder sie anderweitig zerstört.
Marianne fühlt sich nicht in der Lage sich zu entspannen und einfach mal „nichts zu tun“. Sie fühlt sich dann nutzlos und faul und das ist mit einem großen Unwohlsein verbunden.
Alle diese Beispiele zeigen Verhaltensweisen oder Reaktionen auf Verhaltensweisen anderer Menschen oder von sich selbst.
Vermutlich kennst auch du Reaktionen oder eine Art musterhaftes Verhalten von dir selbst, welches du nicht schätzt oder dich sogar darüber ärgerst? Oder dir kommt beim Lesen eine Person in den Sinn, bei der du so ein Verhalten mitbekommst?
Es ist sehr verständlich, dass wir uns über uns ärgern, wenn wir so etwas bei uns beobachten oder es wiederholt bei uns erleben. Denn solche Reaktionen oder Verhaltensarten sind häufig sehr belastend. Daher kann es gut sein, dass du dich gerade fragst: „Was soll daran denn ein guter Grund sein?? Es ist doch einfach nur hinderlich, belastet meine Beziehungen oder schmälert mein eigenes Wohlgefühl….
Trotzdem möchte ich einmal mit dir gemeinsam aus einer anderen Perspektive auf deine, oft automatisierte, Vorgehensweise schauen.
Wenn du an dieser Stelle bemerkst, dass dich dieses Thema stark aufwühlt oder du eine Neigung zum „Abschalten“ bei dir bemerkst, dann lies bitte nicht alleine weiter. Ich lade dich ein, Kontakt zu einer dir zugewandten, vertrauten und balancierten Person aufzunehmen und es gemeinsam mit dieser zu lesen.
Schau bitte außerdem gut nach dir, ob die Reflexionsfragen für dich hilfreich sind. Lasse sie ggf. gerne aus und spüre hier zu einem anderen Zeitpunkt hinein, wenn du deinen Nervensystemzustand sicherer halten kannst.
Hintergründe zur Perspektive des „Guten Grundes“
Es ist so, dass unsere Psyche nichts tut oder „erfindet“, um uns zu ärgern oder uns das Leben schwer zu machen. Ganz im Gegenteil – sie versucht zu jeder Zeit uns zu schützen, unser Leben zu sichern und (innere) Sicherheit herzustellen.
Vielleicht magst du an dieser Stelle dein Lesen einmal unterbrechen und diese Aussage einmal sacken lassen und ihr nachspüren. Angenommen, diese Aussage stimmt – was macht sie mit dir? Was regt sich in deinem Körpergefühl oder auch in deinen Gedanken?
Du kennst die jetzt folgende Anregung vermutlich schon 😉 – wenn du magst, nimm dir gern dein Notizbuch und schreibe dir deine Gedanken und bemerkten Körpergefühle auf. Dadurch erhältst du häufig eine größere Klarheit und Verbindlichkeit. Darüber hinaus kommen beim Schreiben häufig weitere Erkenntnisse „hoch“.
Wenn du mit dieser neuen Perspektive jetzt nochmal auf deine Vorgehensweise, Reaktionen, automatisierte Denkabläufe oder auch Muster schaust – was könnte dein guter Grund dahinter sein?
Wovor möchte deine Psyche dich schützen, dir Hilfestellung leisten oder eine (Schein)sicherheit herstellen? Was könnte der gute Grund hinter deinem (automatisierten) Verhalten sein?
„Gut“ ist in diesem Kontext nicht als eine Bezeichnung/Erklärung der Befindlichkeit gemeint. Es geht also nicht darum, dass es „gut“ im Sinne von „wohlig“, „angenehm“ oder „prima“ ist. Es geht um den Sinn hinter deinem Tun oder Lassen. Die Erklärbarkeit, die Zweckdienlichkeit des Grundes hinter deinem „So-Sein“.
Ich lade dich ein, dir auch an dieser Stelle wieder einen Moment Zeit zu nehmen und nachzuspüren. Welche Antworten kommen dir zu dieser Frage?
Um wieder Ideen zu meiner Denkweise zu erhalten, bzw. um es dir etwas leichter zu machen, lass uns doch gemeinsam noch einmal auf einige Beispiele aus dem zweiten Absatz schauen:
Beispiel 1
Sabine fühlt sich jedes Mal persönlich getroffen oder sogar angegriffen, wenn sie im Dorf spazieren geht und andere Personen sie nicht grüßen (es in der Gegend, in der sie wohnt absolut üblich, sich gegenseitig zu grüßen).
Aus dem reinen Verstand betrachtet, ist Sabine die Sache relativ klar, bzw. sie hat verschiedene Erklärungsmöglichkeiten für das Verhalten der nicht grüßenden Person:
- Vielleicht ist es der Person nicht wichtig zu grüßen.
- Vielleicht war sie in Gedanken und hat sie gar nicht richtig wahrgenommen.
- Vielleicht ist sie sehr schüchtern und verunsichert.
- Vielleicht kommt sie nicht von hier und kennt diesen Brauch nicht.
- …..
Was auch immer der tatsächliche Grund der Person ist, er hat höchstwahrscheinlich nichts mit Sabine zu tun. Aus dem reinen Verstand betrachtet, ist es ihr auch sonnenklar und trotzdem tut es ihr weh und sie fühlt sich übersehen.
Und genau darin könnte auch schon der gute Grund liegen. Denn – nicht gesehen zu werden, ist ein Thema, welches sie schon lange beschäftigt. Sie kennt es aus ihrem Leben nur allzu gut. Schon als Kind wurden ihre Bedürfnisse häufig übersehen und nicht erfüllt.
Werden unsere Bedürfnisse als Kind nicht gesehen, wird es schnell bedrohlich für uns. Denn als kleine oder sogar kleinste Kinder können wir unsere Bedürfnisse noch nicht selber erfüllen und sind auf die Bedürfniserfüllung von außen angewiesen. Hierbei geht es sowohl um emotionale Bedürfnissen als auch um physische Grundbedürfnisse.
Durch das Verhalten der nicht grüßenden Person wird Sabines altes Gefühl des „Nicht-gesehen-Werdens“ ausgelöst und ihr alter Schmerz wird spürbar. Ein Merkmal von solchen Auslösereizen (auch Trigger genannt) ist, dass sie uns überrollen und uns häufig unverhältnismäßig vorkommen. Das passiert auch bei Sabine.
Wenn wir jetzt Sabines Lebensgeschichte berücksichtigen, ist es jedoch nicht so, dass sie einfach ein bisschen empfindlich ist oder stumpfsinnig an alten Gepflogenheiten festhält, sondern dass es einen triftigen Grund für ihr Empfinden gibt.
Wenn für sie persönlich die Zeit gekommen ist, darf sie sich auf ihren ganz persönlichen Weg machen und sich ihre noch unverarbeiteten Erlebnisse ansehen und beginnen sie zu integrieren. Dadurch werden ihre alten Schmerzen und Empfindungen dann Stück für Stück weniger triggerbar und sie wird sie selbst zunehmend selbstbestimmter und balancierter fühlen.
Beispiel 2
Marianne fühlt sich nicht in der Lage sich zu entspannen und einfach mal „nichts zu tun“. Sie fühlt sich dann nutzlos und faul, das ist mit einem großen Unwohlsein verbunden.
Auch hier könnte deine erste Reaktion sein – „Was soll daran denn der gute Grund sein? Die arme Marianne ist inzwischen vollkommen ausgepowert und erschöpft. Sie hätte eine Pause wirklich nötig. Was soll daran gut sein? Wenn das so weiter geht, wird sie zusammenbrechen!“
Zweifels ohne könnte das so passieren. Marianne ist kräftemäßig am Ende und sehnt sich nach einer Pause. Trotzdem findet sie nicht zur Ruhe und kann sich auch nicht willentlich dazu bringen. Im Gegenteil, wenn sie sich zwingt einmal einen halben Tag freizumachen, wird sie „hibbelig“ und bekommt starkes Herzklopfen.
Und doch, bleibe ich dabei – es wird dafür einen guten Grund geben. Einen Grund, der erklärbar ist und logisch nachvollziehbar.
Wenn wir in Mariannes Geschichte schauen, ist sie in einer Familie aufgewachsen, die eine Tischlerwerkstatt hatte. Ein Traditionsbetrieb, der bereits in der dritten Generation fortgeführt wurde. Der Wert, der in ihrer Familie am intensivsten gelebt wurde, war Fleiß. Wer viel arbeitete, war etwas wert. Alles andere wurde nicht geduldet. Auch über Nachbarn oder Kunden, die nicht genügend hart und viel arbeiteten, wurde abfällig geredet. Marianne und ihren Geschwistern wurde immer wieder deutlich: Wer hart und viel arbeitet, ist etwas wert, alle anderen nicht. In der Familie gab es einen Onkel, der verschiedene Berufe ausprobierte und der gerne auch mal „nichts“ tat. Er wurde ausgeschlossen und es wurde so getan als sei er nicht existent.
Diese familiäre Haltung und auch die Konsequenzen des „andersartigen“ Onkels bekam Marianne von klein auf mit. Ja, bereits als ihre Mutter mit ihr schwanger war, waren diese Haltung und der Stress für sie zu spüren. In der Folge hat sie diese Ansicht zu sich genommen. Sie trägt sie heute als ein Introjekt mit sich.
Sie hinterfragt sich selbst und ihr eigenes Verhalten inzwischen immer wieder und im rein sachlichen Verstand weiß sie auch, dass das, was sie über den Wert von Menschen und Arbeit gelernt hat, für sie nicht der Wahrheit entspricht. Aber das Introjekt ist stärker. Das Gefühl der Wertlosigkeit übertrumpft ihr Wissen.
Sie hat es auch schon mit Affirmationen versucht und probiert immer wieder, sich mithilfe von Entspannungsmeditationen „herunterzufahren“ – aber es gelingt ihr nicht. Sie ist zunehmend frustriert und hat das Gefühl „das kann ich also auch nicht…..“ (warum das häufig so ist, erzähle ich gern zu einem anderen Zeitpunkt)
Ein zermürbender, schmerzhafter Teufelskreis!!
Was passiert hier? Wo ist der gute Grund?
Um in ihrer Familie anerkannt zu sein – hier leben zu dürfen, musste Marianne die Überzeugung ihrer Eltern zu sich nehmen. Sie auch zu ihrer Überzeugung machen. Sie wäre sonst Gefahr gelaufen, aus der Familie verstoßen zu werden – emotional oder auch physisch.
Sich anpassen – es auch so sehen, war das was half. Eine echte Überlebensstrategie.
Heute als erwachsene Frau sieht ihr wacher Verstand es anders. Aber immer wenn sie rein aus dem Verstand versucht es anders zu machen, wird ihre Überlebensstrategie wach und passt auf.
Ihre Strategie sorgt bis heute dafür, dass sie „in der Spur bleibt“, um nicht aus dem Rudel ausgeschlossen zu werden. Da ihre Strategie so früh angelegt wurde (das hat ihre Psyche autonom und für sie vollkommen unbewusst erledigt), ist sie extrem solide und treu. Diese Strategie ist ein neuronales Netzwerk (eine Verschaltung von Nervenzellen), welches absolut verlässlich und durchsetzungsstark parat steht, um ihr auch weiterhin das Überleben zu sichern. Wenn Überlebensstrategien erst abwägen würden, hätten sie ihren Job verfehlt.
Leider bemerken solche frühkindlich und während widriger Umstände entstandenen Netzwerke nicht, dass die Gefahr inzwischen vorüber ist. Darum sind sie weiterhin treu und im Hier und Jetzt häufig gar nicht mehr hilfreich.
Auch für Marianne gilt – wenn sie so weit ist und die Kosten ihrer alten Strategie für sie ganz persönlich zu hoch sind, dann darf sie sich auf den Weg machen, ihre Geschichte zu verarbeiten und neue neuronale Netzwerke entstehen zu lassen. Neue Verschaltungen, die es erlauben und sogar begrüßen, dass sie ausreichend Pausen macht und sich entspannt.
Wie geht es dir jetzt? Was nimmst du in dir wahr?
Ich möchte dich ermuntern, dir auch an dieser Stelle noch einmal Zeit zum Nachspüren zu nehmen. Schau auch hier wieder gut nach dir und wäge achtsam ab, ob diese Reflexion gerade hilfreich für dich ist oder ob sie überflutend sein könnte. Im letzteren Fall lasse sie bitte aus.
- Was machen diese Beispiele mit dir?
- Welche Gedanken kommen in dir hoch?
- Welche Gefühle nimmst du wahr?
- Wo fühlst du sie im Körper und auf welche Art und Weise?
- Wie geht es dir mit deinem „guten Grund“?
Vielen Dank für dein Interesse und alles Gute für dich!
Ich freue mich, dass du bis hierher gelesen hast und hoffe, dass mein Artikel hilfreich für dich ist. Ich wünsche dir eine gute Zeit und alles Liebe für deinen ganz persönlichen Weg.
Großartig, dass du unterwegs bist!
Alles Liebe für dich,
Deine Claudia 💜
Autorin: Claudia Süsens
https://coachingpraxis-
Hallo feiner Mensch, ich bin Claudia. Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach für ganzheitlich-integrative Traumaarbeit und Karriere-Navigator-Coach.
Ich begleite und unterstütze dich während Verarbeitungsprozessen, bei persönlichen oder beruflichen Herausforderungen und Krisen. Achtsam, traumasensibel und zugewandt.
Vielen Dank für Dein Interesse, ich freue mich, dass Du hier bist!





