Nachdem ich in der vorletzten Woche was zur Pause gepostet habe, möchte ich heute einmal darauf schauen, warum es vielen von uns so schwer fällt eine Pause zu machen.
Wenn dich dieses Thema interessiert, freue ich mich, wenn du mit mir in diesen Artikel eintauchst.
Wenn die Ruhe für eine Pause fehlt
Wie so häufig in den von mir beleuchteten Themen, gibt es natürlich ganz verschiedene Sichtweisen und auch Gründe für innere Unruhe und das Verbleiben im Funktionsmodus.
Ich möchte heute auf den Zusammenhang von Überlebensstrategien nach Trauma oder starken Prägungen und der Schwierigkeit Pausen zu machen, schauen.
Bevor ich meine Gedanken dazu mit dir teile, möchte ich dich einmal fragen, wie es dir mit dem Thema „Pausen“ geht:
⏸️ Magst du Pausen?
⏸️ Was denkst du über Pausen?
⏸️ Wie gestaltest du deine Pausen?
⏸️ In welchem Nervensystemzustand befindest du dich, wenn du eine Pause machst?
Was ist eigentlich eine „Pause“?
Geben wir dieses Wort bei Wikipedia ein, so steht es für „die Unterbrechung eines Vorganges“. Für mich ist eine echte Pause noch etwas mehr. Nämlich ein Moment, in dem ich meinem Körper und meiner Psyche einen Ruhemoment gönne. Also ein Moment ohne „Input“, bzw. ausschließlich mit nährendem, erholsamem Input, ohne „To-Does“. Und weil wir alle unterschiedlich sind und unterschiedliche Dinge tun, ist das sehr individuell.
Eine wirklich echte Pause könnte also zum Beispiel so aussehen:
· In der Natur, am Wasser oder auch auf der Couch sitzen und „Löcher in die Luft gucken“.
· Einen Spaziergang machen.
· Auf einem Spielplatz schaukeln.
· Pferden auf der Weide oder Vögeln am Futterhaus zusehen.
· Bewusst eine Mahlzeit einnehmen (ohne TV oder Hörbuch nebenbei).
· Ein Getränk genießen, ohne noch etwas nebenbei zu tun.
Was haben diese Ideen gemeinsam? Es sind ruhige Betätigungen, es sind Dinge ohne „To-Does“ und es sind „Einzeldinge“.
Wir sind es inzwischen so sehr gewohnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, dass wir häufig gar nicht mehr bemerken, dass unser Körper-Seele-System dadurch gefordert wird.
Pausen und das Nervensystem
Die nachfolgende Grafik kennst du schon von mir, wenn du schon etwas mit mir gemeinsam unterwegs bist. Wenn du magst, schau doch mal, wo du dich an einem üblichen Tag überwiegend befindest.
Bist du innerhalb deines Stresstoleranzfensters? Bist du verbunden mit dir selbst, der Welt und deinen Mitmenschen? Kannst Stimmungen anderer Menschen wahrnehmen und dich drauf einstellen? Nimmst deine eigene Stimmung wahr und bist „in deiner Mitte“?
Wenn du innerhalb deines Stresstoleranzfensters bist, wo hältst du dich über den Tag verteilt auf? Weiter oben (z.B. bei aktiven Tätigkeiten) oder eher unten (z.B. beim Mittagsschlaf oder beim Lesen eines Buches) oder mittig?
Oder bist du häufig „oben raus“? Bist vielleicht extrem unruhig, oft wütend oder hysterisch? Ständig „an“ und findest keine innere Ruhe? Hast eine kurze „Zündschnur“ und bist schnell genervt?
Oder bist du häufig „unten raus“? Fühlst dich häufig taub, unbeweglich, depressiv oder außerhalb deines Körpers?
Wo würdest du dich überwiegend einordnen? Wenn du diese Einordnung deiner besten Freundin oder deinem besten Freund mitteilen würdest, was würde er oder sie sagen, wo du dich viel aufhältst?
Tagesabläufe, das Nervensystem und Pausen
Meiner Meinung nach, ist es wichtig, dass wir unsere Pausen (und auch Feierabende) auch an unserem Tun und unserem Nervensystemzustand ausrichten.
Körperlich aktiv vs. inaktiv
Haben wir z.B. einen körperlich sehr aktiven Tag, kann es besonders regenerierend sein, die Pausen und die Feierabende ruhig zu verbringen. Dann ist anstatt anheizendem Sport oder der großen, schnellen Fahrradfahrrunde vermutlich eher ruhiger Sport angebracht oder eine anderweitig ruhige Tätigkeit.
➡️ etwas, was den aktivierenden Teil des autonomen Nervensystems herunterfährt und den ventralen Vagusnerv aktiviert. Das ist der Ast des 10. Hirnnervs (Nervus vagus), der in Sicherheit und Verbundenheit stimuliert/aktiv ist.
Haben wir einen eher wenig körperlich aktiven Tag (z.B. eine überwiegend sitzende Tätigkeit), kann eine aktive Pause oder auch Feierabend unterstützend sein für unser Wohlgefühl. Dann passt die flotte Fahrradtour oder das intensive Training im Gym.
➡️ der aktivierende Teil des autonomen Nervensystems, der Sympathikus, darf noch mal stimuliert werden und du darfst dabei in Verbundenheit mit dir und der Welt bleiben. Wenn wir in Sicherheit aktiv sind, ist es ein Mischzustand aus Sympathikus und ventralem Vagus und das ist ganz wunderbar. Es ist dann eine Pause, in der wir aktiv sind und uns mit uns selbst verbinden, bzw. verbunden bleiben. Wir schalten uns nicht ab oder machen so intensiven Sport, dass wir uns selbst nicht mehr spüren. Wir sind aktiv, im Hier und Jetzt.
Stress ohne körperliche Anstrengung
Interessant und wichtig finde ich auch den Blick auf Anstrengungen und Stress, der sich nicht in körperlichen Aktivitäten zeigt. Zum Beispiel die viel eingespannte Managerin, die von einem Meeting zum anderen „fliegt“ und ständig irgendwelche „Brände löschen muss“. Ein fordernder und stressiger Tag ohne viel körperliche Bewegung.
Oder auch der selbständige Familienvater, der in Trennung lebt, viele Bälle in der Luft hat, an der Belastungsgrenze lebt und ständig gestresst ist. Physisch und psychisch.
Bei beiden Beispielen ist der Sympathikus sehr aktiv und vielleicht geht hier und da auch mal die Verbindung zu sich selbst verloren und der ventrale Vagus ist nur wenig aktiv. Der Familienvater aus dem zweiten Beispiel gerät vermutlich auch immer mal wieder aus seinem Stresstoleranzfenster heraus.
Solche Nervensystemzustände und Körper-Seele-Systeme brauchen daher andere Pausen und Feierabende. Solche, die den Sympathikus herunterregulieren und den ventralen Vagus stimulieren. Ruhige Bewegung in Verbundenheit.
Ein verbundener Spaziergang. Eine ruhige Fahrradtour. In einem Tempo, das runterfährt, aber mehr ist als schlendern. Vielleicht auch eine passende Yoga-Session oder eine ruhige Bouldereinheit, ohne die ganz großen Anstrengungen oder Ziele.
Etwas, das körperliche Bewegung ist (damit die Stresshormone abgebaut werden und die zur Verfügung gestellte Energie verbraucht wird), aber die Beruhigung und Verbundenheit fördert.
Ausflug in unser „Stress-System“
Ursprünglich (und unser Körper-Seele-System ist noch sehr ursprünglich unterwegs) wurde Stress ausgelöst, wenn wir in körperlicher Not waren und fliehen oder kämpfen mussten. Weil zum Beispiel ein wildes Tier hinter uns her war.
Der Körper hat dann Stresshormone ausgeschüttet und den Sympathikus aktiviert (sehr vereinfacht dargestellt 😉). Dadurch war es möglich, dass wir, ohne nachzudenken flüchten/kämpfen konnten. Im besten Fall hat alles geklappt, wir waren schnell genug und die Gefahr war überstanden. Durch die körperliche Aktivität wurden die Stresshormone direkt abgebaut und wir konnten zurück in unsere Balance finden.
Heutzutage haben wir in den meisten Fällen aus ganz anderen Gründen Stress. Zum Beispiel weil wir stressige Positionen in Unternehmen bekleiden oder unser Alltag uns stark fordert (siehe obige Beispiele).
Aber auch heute werden Stresshormone ausgeschüttet, der Sympathikus wird aktiviert und wir werden bereit gemacht für Flucht oder Kampf. Die beiden Möglichkeiten treten jedoch meistens nicht ein. Unser heutiger Stress ist anders, Flucht und Kampf helfen uns in der Regel nicht. Wir lösen unsere Probleme und Herausforderungen anderweitig. Dadurch bauen wir die bereitgestellten Stresshormone nicht wieder ab. Sie verbleiben im Körper.
Das ist auf verschiedene Art und Weise ungesund und kann zu unterschiedlichen Symptomen führen. Beispiele sind Bluthochdruck, Übergewicht und innere Unruhe.
Darum ist es so hilfreich, wenn wir es Stück für Stück schaffen, unsere Pausen und Feierabende so zu gestalten, dass sie unsere inneren Abläufe regulieren, Stress wieder abbauen und damit für unser ganzes „Ich“ unterstützend sind 😊.
Warum klappt das mit der Pause bei dir nicht?
Darum sollte es hier und heute ja eigentlich gehen, aber ich finde, dass diese Hintergründe wichtig sind und das Thema sonst zu oberflächlich beleuchtet wird. Danke für dein Lesen bis hierher!
Jetzt geht es auch wirklich los 😉.
„Dauer-An-Sein“ als Überlebensstrategie und Traumafolgesymptom
Wenn du mir schon länger folgst, weißt du, dass ich davon überzeugt bin, dass alles was wir tun oder auch das, was wir als unbewusste Strategien und Muster entwickelt haben, einen guten Grund hat.
Dass diese Dinge etwas Gutes für uns wollen. Dass sie Sicherheit herstellen wollen.
Darum darfst du dich an dieser Stelle mal fragen, was bei dir „anspringt“, wenn du zur Ruhe kommst.
Was passiert in dir, wenn du eine echte Pause machst?
Vielleicht wird eine innere Stimme laut, die dich als faul betitelt oder du hörst eine innere Überzeugung, die sagt, dass du nichts wert bist, wenn du nichts tust?
Vielleicht werden auch Erinnerungen oder Gedankenkarussells wach und laut, wenn es ruhig(er) wird?
Was nimmst du bei dir wahr?
Notiere es dir gerne und spüre hinein, was in deinem Körper passiert, wenn es dir jetzt gerade bewusst wird. Versuche das, was sich zeigt nicht zu bewerten, sondern ausschließlich wahrzunehmen.
Der gute Grund
Wenn du magst, kannst du auch gerne nach deinem „guten Grund“ dafür forschen: Was könnte der gute Grund für dein Verhalten oder Muster sein? Warum hat deine Psyche es für dich entwickelt?
Schau dabei bitte gut nach dir. Manchmal sind solche Fragen zu schwer, um sie allein zu beantworten. Es würde zu viel hochkommen, so dass wir es allein nicht halten können und es wichtig ist, dass wir jemanden an unserer Seite haben, der uns behilflich ist und uns ggf. auch bei der Regulation helfen kann. Bitte überfordere dich nicht!
Wenn du den guten Grund entdeckt hast oder er dir bereits klar war, dann lade ich dich ein, ihn und dein Muster oder dein Verhalten wertzuschätzen. Schicke ihnen ein Wort oder eine Botschaft. Vielleicht so etwas, wie „Danke, dass du so wachsam bist und immer um meine Sicherheit bemüht bist“.
Eine solche Anerkennung kann einen hilfreichen Prozess in Gang bringen und dazu führen, dass deine Strategien sich weniger abgelehnt fühlen und dann Stück für Stück „leiser“ werden können.
Ich möchte dich außerdem ermutigen, dir für diese Forschungsreise Zeit zu nehmen. Vielleicht magst du dir deine Entdeckungen auch aufschreiben und ihnen nachspüren.
Körpergefühle
Wie fühlen sich deine Erkenntnisse an? Wo fühlst du sie? Wo und wie ganz genau?
Nimm sie gerne wieder ausschließlich wahr, versuche sie nicht zu bewerten und freundlich mit dir zu bleiben.
Meine Idee ist, diese Erkenntnisse und Körperwahrnehmung im ersten Schritt einfach zu spüren und ihnen vielleicht so etwas zu sagen, wie „Ich spüre dich“ oder „Ich nehme wahr, dass du da bist“. Sie also anzuerkennen.
Mit dieser Haltung und den Botschaften zu deinen Mustern, Verhalten und Körpergefühlen darfst du gerne eine Zeitlang (Stunden, Tage oder auch Monate 😉) sein und experimentieren. Sie gerne immer wieder spüren und anerkennen.
Wie ändern sie sich dadurch?
Veränderungen deiner Pausen
Wenn du deine Muster und Angewohnheiten eine Zeitlang beobachtet und ihnen nachgespürt hast oder auch parallel dazu, könntest du mal für dich überlegen, welche Veränderungen in deinen Pausengewohnheiten möglich wären. Ohne dass sie Druck machen. Es dürfen wirklich kleine Veränderungen sein.
Kleine Veränderungen sind sehr hilfreich. Denn es ist viel motivierender kleine Dinge zu verändern und diese dann auch umzusetzen (und später vielleicht auch zu genießen), als sich große Schritte vorzunehmen und dann gefrustet zu sein, weil es nicht klappt.
Vielleicht ist es das Entfernen deiner „Ohrstöpsel“ auf dem Spaziergang oder auf einem Teil davon. Oder das Lesen eines Buches, ohne dass das Radio noch nebenbei läuft. Oder das 3-minütige Sitzen auf der Couch, ohne eine zusätzliche Beschäftigung.
Was könnte deine erste echte Pause sein? Wo möchtest du ganz behutsam etwas verändern?
Erlaube dir gerne den Mut für einen kleinen Schritt. Außerdem ist er nur vermeintlich klein 😉.
Spüre dabei genau hin. Es geht nicht darum, etwas „durchzuhalten“ oder „abzuhaken“. Meine Idee ist, eine Veränderung zu kreieren, die du in deinem Inneren halten kannst. Bei der du dich selber spürst und bei der du immer mehr in die Mitte deines Stresstoleranzfensters kommen kannst.
Pausen üben
Wie so vieles im Leben, möchte auch diese Veränderung geübt werden. Hört sich komisch an, ist aber so 😉.
Wenn dein System es gewohnt ist, immer beschäftigt zu sein, immer mehrere Dinge gleichzeitig zu tun oder sich ständig abzulenken (aus einem guten Grund!), dann wird es Zeit und Übung benötigen, bis du eine für dich passende „Pausentradition“ entwickelt hast und sie auch genießen kannst.
Veränderungen brauchen Wiederholungen und Zeit…..
Und in dem Übergang ist alles möglich. Es geht nicht darum, Dinge von jetzt auf gleich nicht mehr zu tun. Du darfst dich ablenken, Dinge gleichzeitig tun, „rappelig sein“, usw.
Es gehört zum Prozess. Wie gerade schon beschrieben, geht es um kleine Schritte. Vielleicht kannst du es am Anfang aushalten eine Minute deinen Kaffee zu trinken ohne irgendetwas anderes zusätzlich zu tun. Großartig!!
Vielleicht werden es Stück für Stück mehrere Minuten, bis irgendwann eine Kaffeepause ohne Ablenkung möglich ist.
Ich möchte dich ermutigen, gnädig auf dich zu schauen. Dir deine Strategien weiterhin zu erlauben. Sie wollen dich schützen und brauchen Zeit für den Veränderungsprozess. Vielleicht kannst du dich an den Änderungen erfreuen, die bereits möglich sind.
Es ist ein Prozess und du bist auf dem Weg. Klasse!
Meine Zusammenfassung
Es gibt immer einen guten Grund für Dinge, die wir tun oder unterlassen. Häufig merken wir es dann, wenn der „Preis“ dafür zu hoch wird. Dann dürfen wir es uns anschauen und erforschen.
Wofür ist es hilfreich? Warum ist es in meinem Leben?
Nach einer wohlwollenden, mitfühlenden Wahrnehmung und Anerkennung dieser Strategie und der damit verbundenen Gefühle, dürfen wir schauen, welche Veränderungen möglich sind.
Welche Veränderung kann ich halten? Welchen Schritt kann ich wagen und ihn üben? Wo kann ich meine Strategien Stück für Stück ausschleichen lassen? Welche brauche ich noch?
Du darfst dir Zeit schenken. Es ist ein Veränderungsweg, kein einzelner Akt. Du darfst gnädig mit dir sein.
Pausengenuss
Ich wünsche dir, dass du dir mit der Zeit Pausen kreieren kannst, die du magst und die zu dir passen. Die deine Akkus vorm Entleeren schützen und sie wieder auffüllen. Die dich nähren und versorgen. Pausen, die ein Genuss sind.
Alles Liebe für dich,
Deine Claudia 💜
Autorin: Claudia Süsens
https://coachingpraxis-
Hallo feiner Mensch, ich bin Claudia. Heilpraktikerin für Psychotherapie, Begleiterin für ganzheitlich-integrative Traumaarbeit und Karriere-Navigator-Coach.
Ich begleite und unterstütze dich bei Verarbeitungs- und Integrationsprozessen, während persönlichen oder beruflichen Herausforderungen und Krisen. Achtsam, traumasensibel und zugewandt.
Vielen Dank für Dein Interesse, ich freue mich, dass Du hier bist!





